Darf’s noch einer mehr sein?

Darf’s noch einer mehr sein?

Ich hätte so gerne noch einen Welpen zu meiner Kisha dazu. Mehrhundehaltung soll ja gut sein, der Hund ist doch angeblich ein Rudeltier. Und Kisha ist jetzt in einem Alter wo sie toll hört, wir aus dem Gröbsten raus sind und sie dann toll mithelfen kann den Welpen zu erziehen. In meiner Vorstellung spielen sich romantische Bilder ab wie beide Hunde miteinander kuscheln und spielen, wir gemeinsam durch die Welt ziehen und ein wohliges Gefühl der Zusammengehörigkeit macht sich breit.

Dann mache ich mal kurz einen Realitätscheck:
So schön es ist einen Welpen aufzuziehen, so anstrengend ist es auch. Man braucht dafür viel Zeit, und die habe ich in dem Maße momentan einfach nicht.

Und dann ist da noch meine Hündin Kisha, die, wenn ich mal ehrlich zu mir bin, Welpen eher so geht so findet. Im Training sind die Kleinen ja ganz nett, aber die werden dann ja auch wieder mit ihren Leuten heim geschickt und Kisha hat wieder ihre Ruhe.

Wir hatten neulich eine 6 Monate alte Parson Russel Terrier Hündin zum Aufpassen da. Freunde von mir sind umgezogen und ich hatte versprochen auf die Kleine an einem Tag aufzupassen damit sie den Umzugshelfern nicht zwischen den Füßen rumläuft.

Der Tag lief ungefähr so ab:

„Luna, lass Kisha in Ruhe“
„So ist feii – aahhh, nicht auf Kisha rumkauen“
*Luna wirft das Kindergitter um*
*Versucht Kisha ihr Spielzeug zu klauen*
*Kurzer Moment Ruhe mit geklautem Spielzeug*
„Pause, Luna! Kisha ist KEIN Spielzeug“
*Genervter Blick von Kisha der mir sagen soll dass ich das wilde Tier besser im Zaum halten muss*
Nach 3 Stunden das erstmal wirklich Ruhe, die Kleine schläft für 20 Minuten, danach ging es wieder rund …

Also hat das Kleine Wuseltier an dem Tag vorrangig das Wort „Pause“ gelernt. Und ich habe gelernt dass ich es Kisha nie antun werde einen Junghund oder Welpen dazu zu holen, ich hab ihr sehr deutlich angemerkt das sie einfach nur noch genervt war.

Natürlich würde sich das nach einigen Tagen etwas einspielen, Luna wäre nicht mehr ganz so aufgeregt das sie den ganzen Tag einen zweiten Hund zur Verfügung hat. Trotzdem wäre sie immer noch ein Junghund der eben auch hochdrehen kann, sehr verspielt ist und nicht unbedingt auf die Ruhebedürfnisse der restlichen Mitbewohner achtet. Und das würde Kisha extrem nerven.

Weshalb schreibe ich nun diesen Text?

Ich bekomme immer mal wieder Menschen ins Training die genau das getan haben: Sie haben sich einen zweiten oder dritten Hund dazu geholt, weil sie ihrem ersten Hund einen Gefallen tun wollten (oder auch sich selbst). Und manchmal passiert es eben das die Passung zwischen den Hunden nicht stimmt. Da wurde der erste Hund nicht gefragt, sondern ihm wurde ein Welpe/Junghund oder auch älterer Hund vor die Nase gesetzt mit der Anforderung dass sie sich jetzt gleich supi verstehen.

Manchmal geht das sogar gut.

Aber stellt euch doch einfach mal folgendes vor: Ihr lebt mit eurer Familie gemütlich vor euch hin, und auf einmal kommt noch ein Mensch dazu und euch wird gesagt: Schau, ich hab dir einen Kumpel mitgebracht, der lebt jetzt auch hier in deinem Zimmer, ist doch toll, oder? Du kamst uns einsam vor, deshalb haben wir dir einen Teenager mitgebracht, der bringt Leben in die Bude und Du kannst helfen den zu erziehen.

 So, und jetzt habt ihr in eurer Wohnung einen pubertären Jugendlichen, der euer Leben auf den Kopf stellt. Manche von euch werden jetzt sagen: Super, das ist eine Herausforderung der ich mich gerne stelle. Der Rest wird sich überlegen wie sie diesen Teenager so schnell wie möglich wieder loswerden können.
Für mich persönlich wäre es die absolute Horrorvorstellung mit jemandem zusammen leben zu müssen den ich nicht mag.
Unsere Hunde haben da aber keine Chance, die müssen sich dann irgendwie zusammen raufen.
Es gibt einfach Hunde die lieber alleine leben wollen. Ich hätte gerne im nächsten Jahr noch einen zweiten Hund, aber mir ist vollkommen klar dass das für Kisha passen muss. Und wenn ich merke dass es das nicht tut, dann wird hier kein zweiter Hund einziehen.
Ich bin auch nicht generell gegen Mehrhundehaltung, wenn die Hunde sich verstehen und es passt ist das was wirklich tolles.

Aber wenn ihr euch einen weiteren Hund dazu holen möchtet solltet ihr über folgende Dinge nachdenken:

  • Ist das für den vorhandenen Hund / die vorhandenen Hunde in Ordnung
  • Muß es ein Welpe sein, oder wäre ein älterer Hund besser geeignet damit das Zusammenleben reibungslos funktioniert
  • Wenn es ein Welpe wird: wer bleibt daheim beim Welpen während ihr mit dem vorhandenen Hund einen langen Spaziergang macht, den der Welpe noch nicht schaffen kann?
  • 2 Hunde bedeuten mehr als doppelt so viel Arbeit
  • Beide schauen sich gegenseitig nicht nur positive Verhaltensweisen ab
  • Ist die Zeit da evtl. getrennt voneinander trainieren zu können wenn nötig?
  • „Fragt“ euren Hund was er davon hält – geht mit dem auserwählten Neuankömmling einige Male spazieren, schaut wie gut sich beide vertragen und testet das auch zuhause bei euch
  • Schaut euch die Passung der Hunde gut an: Wenn ich schon einen extrem ängstlichen Hund daheim habe, wäre es vielleicht besser einen souveränen Hund dazu zu holen. Habe ich einen sensiblen, eher vorsichtig spielenden Hund daheim wäre es nicht so gut wenn der Neue extrem Körperbetont und grob spielt.

Es sollte einfach gut überlegt sein und nicht immer ist es positiv, mehr als einen Hund zu halten. Wenn es passt ist es aber eine große Bereicherung. Ich liebe die Tage an denen wir unseren Gasthund Sammy da haben, er ist ein sehr ruhiger Kerl und Kisha stört es nicht wenn er da ist (brauchen tut sie ihn aber auch nicht …) und wenn dann zwei Hunde entspannt schnorchelnd im Wohnzimmer liegen und Merlin, mein uralter Kater, sich auch dazu gesellt fühlt sich das für mich genau richtig an. Vielleicht habe ich ja irgendwann das Glück, das uns ein Hund über den Weg läuft, der genau zu Kisha und mir passt.

*Update
Seit Ende März 2018 ist tatsächlich bei uns ein zweiter Hund eingezogen, es ging dann doch schneller als gedacht. Kasper ist zwischen 12 und 14 Jahren alt, taub und halbwegs blind. Er passt perfekt bei uns rein und entschleunigt mein Leben sehr, Kisha findet ihn auch okay da er ihr keine Ressourcen wegnimmt und nicht wirklich gerne kuschelt, d.h. es geht wenig von ihrer Zeit mit mir weg …

Demnächst werde ich einen Artikel zu alten Hunden schreiben da dies ein Thema ist, das mir sehr am Herzen liegt. Kasper bereichert unser Leben so sehr, auch wenn es manchmal etwas anstrengend mit einem Oldie ist. Aber es lohnt sich auch einen solch alten Hund zu adoptieren um ihm zumindest noch einen guten letzten Lebensabschnitt zu ermöglichen!

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2 Gedanken zu „Darf’s noch einer mehr sein?

  1. Gutes Thema und guter wie auch wichtiger Post!
    Es ist ja gerade so en Vogue mehrere Hunde zu halten…
    Wir haben „Nr 2“ ja eher aus Zufall dazu bekommen und ich kann Dir nur in allen Punkten recht geben.
    Die zwei Hunde verstanden sich zwar von Angfang aus Zufall sehr gut und es ist toll zu sehen, wie unsere ältere Hündin, die eeewig und zufrieden Alleinherrscherin war, wieder wacher geworden ist, mehr spielt und die beiden ein gutes Team sind. ABER es gibt definitiv ein „Aber“.
    Z.B. Ist Nr 2 wesentlich betreuungsintensiver und temperamentvoller, heißt: weniger Aufmerksamkeit für Nr 1. Tut der ursprünglichen Besetzung manchmal weh und leid.
    Und vor allem etwas in meinen Augen sehr wichtiges, nämlich das Thema Altersunterschied bzw auch schlicht Gesundheitszustand:
    Nr 1 war 9 Jahre alt als Nr 2 mit geschätzten 4 -5 Jahren dazu kam. Das ist jetzt wiederum 4 Jahre her und jetzt wird es kompliziert. Alter und Gesundheit bremsen Hund Nr 1 mittlerweile deutlich aus und die Grätsche, die es bedarf beiden Hunden gerecht zu werden, wird immer mühseliger zu bewerkstelligen. Nr 2 will laufen, schnuppern, Beschäftigung, Nr 1 in der Sonne dösen, daheim sein, schlafen, nur noch kleiner Runden laufen. Zeitmanagement ist da echt so eine Sache…
    2 oder mehrere Hunde können was ganz Tolles sein, aber es kann immer passieren, das einer nicht mehr so kann und dann wird es für alle Beteiligten wirklich schwierig. Und manchmal tut es einem im Herz weh.
    Außerdem finde ich es auch manchmal problematisch, wenn man Leuten begegnet, die mit 2 oder mehreren Hunden unterwegs sind und ganz offensichtlich nicht unbedingt alle im Blick und Griff haben… da hatten wir schon ausgesprochen komische und unangenehme Begegnungen.
    Lange Rede, kurzer Sinn: 2 oder mehrere Hunde sind definitiv mehr Aufwand, zeitintensiver und letztlich auch kostenintensiver (darf man ja auch nicht ganz außer Acht lassen). Wer nicht wirklich viiiiieeeel Zeit hat und einen guten Rythmus mit dem einen Hund hat, man einfach ein gutes Team ist, sollte wirklich sehr, sehr gut darüber nachdenken. Ich bereue den Schritt zwar nicht eine Sekunde, würde es aber Hund Nr 1 zuliebe wahrscheinlich kein zweites Mal tun.

    P.S.: ich mag Kishas Welt sehr 🙂

  2. Danke für das Lob 🙂
    Der Zeitfaktor ist wirklich enorm: wir hatten ja einige Zeit drei Hunde: Einer der sich mit anderen nicht versteht (ausser den eigenen Kumpels), einer der schon sehr alt war und nur noch Mini-Runden gehen wollte und Kisha, die sich geweigert hat an Strassen zu gehen und eher wegrennen wollte, wenn der Krawallwolf andere Hunde doof fand, aber auch eine Trennungsangst ohne Ende hatte. Da bin ich dann teilweise 3 einzelne Runden gegangen, wobei ich zur Not Kisha immer im Auto dabei haben musst da sie ohne mich am Anfang nicht alleine geblieben ist. Da kommt man dann schon mal an seine Grenzen …

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